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Exkursion zu Wärmenetzen im Ahrtal

Wie kommt die Wärme eigentlich in unsere Häuser und das möglichst umweltfreundlich? Bei unserer Exkursion ins Ahrtal haben wir zwei unterschiedliche Beispiele einer gemeinschaftlichen Wärmeversorgung kennengelernt. Statt, dass jede*r für sich eine klassische Heizung im Keller hat, setzen die Bewohner*innen hier auf sogenannte Wärmenetze, bei denen Nachbarschaften, Straßen oder ganze Dörfer sich zentral mit Wärme versorgen. Der Vorteil liegt darin, dass dadurch Potenziale genutzt werden können, die für ein einzelnes Haus nicht wirtschaftlich sind. Bei Geothermie zeigt sich beispielsweise oft, dass eine gemeinsame Bohrung für mehrere Häuser deutlich kostengünstiger ist.

Exkursion zu zwei Bürgerenergieprojekten

In Marienthal und Rech, zwei Dörfer im Ahrtal, wurden in den letzten fünf Jahren genau solche Wärmenetze gebaut. Das Besondere: in beiden Orten ist es die Dorfgemeinschaft selbst (Marienthal) bzw. die Kommune (Rech), die diese Netze betreibt. Genau diese Praxis wollten wir uns vor Ort anschauen, um zu verstehen, wie solche Wärmeprojekte geplant, gebaut und betrieben werden. Gemeinsam mit interessierten Bürger*innen, Kommunalpolitiker*innen, Verwaltungen und Wärme-Initiativen, die ähnliche Projekte im Rhein-Sieg-Kreis anstoßen wollen, machten wir uns am 17. Januar auf den Weg ins Ahrtal.

Genossenschaftliches Wärmenetz in Marienthal

Unser erster Stopp war das Dorf Marienthal, das gemeinsam mit der Eifel Energiegenossenschaft eegon ein Wärmenetz betreibt. Auf dem Dorfplatz neben dem neuen Freundschaftshaus befindet sich die Heizzentrale, die rund 30 Häuser mit warmem Wasser versorgt. Vor Ort empfingen uns Rolf Schmitt, Dorfbewohner und Initiator des Projekts, sowie Martin Pütz, Vorstand der Genossenschaft. Marienthal zählt etwa 100 Einwohner*innen und knapp 40 Gebäude. Nach den Überschwemmungen infolge der Starkregenereignisse im Jahr 2021 standen die Bewohner vor der Herausforderung, ihre Wärmeversorgung neu zu organisieren. Gas- und Ölheizungen waren aufgrund der flutgefährdeten Lage – die meisten Gebäude befinden sich im HQ100-Bereich der Hochwassergefahrenkarte – keine Option mehr. Viele Betroffene entschieden sich auch bewusst dagegen, da sie selbst erlebt haben welche Gefahren von Öltanks und Gasleitungen bei Hochwasser ausgehen.

Im Zentrum der Überlegungen stand daher die Hochwassersicherheit der zukünftigen Wärmeversorgung. Durch persönliche Kontakte kam Schmitt mit Ulrich Schäfer zusammen, der als Ingenieur bereits an Wärmenetzprojekten beteiligt war und auch für Marienthal die Planungen übernahm. Gemeinsam entschieden sie sich für ein klassisches warmes Netz, das auch ältere Häuser flexibel versorgen kann. Bei der Frage, wer dieses Netz am Ende betreiben kann, stand zunächst die Frage im Raum, selbst als Dorf eine Genossenschaft zu gründen. Der Prozess für eine Genossenschaftsgründung ist allerdings langwierig. Und mit dem Ziel, möglichst zeitnah eine neue Wärmeversorgung für Marienthal zu bauen, war eine Neugründung einfach unrealistisch. An dieser Stelle kam dann der Kontakt zu der bestehenden Energiegenossenschaft eegon.

Vorstellung des Wärmenetz im Freundschaftshaus Marienthal

Zentrale Pelletheizung versorgt rund 30 Gebäude

2022 wurden parallel zu Strom-, Wasser- und Glasfaserleitungen auch die Wärmerohre durch das Dorf verlegt, so mussten die Straßen nur einmal aufgerissen werden. Gleichzeitig wurden auch die Hausanschlüsse installiert, nicht im Keller, sondern unterm Dach, um Hochwassersicherheit zu gewährleisten. Die Heizzentrale selbst besteht aus zwei Pelletkesseln, die im Sommer durch eine Solarthermieanlage unterstützt werden. Das Wasser erreicht eine Vorlauftemperatur von 80 °C, wodurch auch ältere Gebäude zuverlässig beheizt werden können.
Die Bezahlung erfolgt über einen Arbeitspreis von 12ct pro verbrauchter Kilowattstunde und eine Grundgebühr von 135€ pro KW/Jahr, die den Bau der Infrastruktur abdeckt. Die Hausanschlussgebühr konnten die Hauseigentümer*innen sich durch verschiedene Programme fördern lassen, wodurch diese von ursprünglich 15.000 € auf wenige Hundert Euro sank. Steigende Pelletpreise führten 2025 zu einer Anpassung des Arbeitspreises von ursprünglich 8ct auf 12 ct pro kWh.

Viele der Teilnehmenden zeigten sich sehr beeindruckt von dem Engagement, mit dem dieses Netz in Marienthal umgesetzt wurde. Die Entscheidung wurde 2021 von der Dorfgemeinschaft gemeinsam getroffen. Durch die Beteiligung der Bewohner und der direkten Kommunikation konnten oft ganz pragmatische Lösungen gefunden werden, bspw. wurden Leitungen über Privatgrundstücke abgekürzt und somit Kosten gesenkt. Durch die Genossenschaft als Betreiberin müssen mit der Wärmeversorgung keine Gewinne erzielt werden.

Rolf Schmitt gibt Einblicke in einen der Hausanschlüsse des genossenschaftlichen Wärmenetz.

Kaltes Wärmenetz in Rech

Im Anschluss ging es weiter ins benachbarte Dorf Rech, das seit 2023 ebenfalls ein Wärmenetz mit inzwischen 56 angeschlossenen Haushalten betreibt. Anders als in Marienthal unterscheidet sich das Netz nicht nur im Betrieb – die Kommune selbst betreibt es über die AöR Zukunft Mittelahr – sondern auch in der Technologie. Das Projekt trägt den Namen „Kalte Dorfwärme“: „kalt“, weil hier anstelle von rund 80 Grad wie in Marienthal nur etwa 8-10 Grad durch die Rohre fließt. Die Wärme stammt aus der Erde, die durch Bohrungen in der Tiefe gewonnen wird. Jeder angeschlossene Haushalt verfügt über eine eigene Erdwärmepumpe, die diese Energie nutzt, um das Haus zu beheizen.

Entscheidung für kaltes Netz

Vor Ort empfing uns Niki Kozisek, Recher Bürger, Vorsitzender der AöR und ehrenamtlicher Projektleiter der „Kalten Dorfwärme Rech“. Ein warmes Netz wie in Marienthal wäre hier kompliziert geworden, da die Ahr das Dorf teilt, zwei Heizzentralen wären nötig gewesen. Das Konzept der kalten Nahwärme, entwickelt von Thomas Giel, erwies sich in Rech als geeignetere Lösung. „Das ist ein technologisch anderer Ansatz als in Marienthal, der nicht besser ist, aber zu unserem Dorf besser passt„. Thomas Giel, Professor an der Hochschule Mainz, erklärte, dass er seit über 17 Jahren solche Netze baut, jedoch teils noch Überzeugungsarbeit leisten müsse. Die Netze sind so konzipiert, dass perspektivisch das gesamte Dorf angeschlossen werden kann.

Niki Kozisek (l.) und Gerhard Schreier (1. Beigeordneter von Rech) stellen das Konzept der „Kalten Dorfwärme Rech“ vor.

Der Pauschalpreis für die Nutzung der kalten Dorfwärme beträgt jährlich 80 Euro pro Kilowatt Leistung der jeweiligen Wärmepumpe, sodass man bei einer 10 KW-Wärmepumpe 800 Euro für die Kalte Dorfwärme im Jahr zahlt. Stromtarif und Wärmepumpe wählen die Anschlussnehmenden selbst, wobei auch die lokalen Heizungsbauer bei der Auswahl unterstützen. Dank der hohen Effizienz von Erdwärmepumpen lassen sich selbst alte Gebäude zuverlässig beheizen.

Erfolg dank Team und persönlichem Engagement

Das Erfolgsrezept, das betonte Kozisek immer wieder, sei ganz klar das Team: „Es steht und fällt mit den Leuten dahinter„. Und dieser Team-Gedanke war sofort spürbar, denn nicht nur er, sondern auch Dominik Gieler (damaliger Bürgermeister und heutiger Verbandsbürgermeister), Gerhard Schreier (1. Beigeordneter von Rech), Thomas Hostert (neuer Bürgermeister von Rech) und Professor Giel berichteten uns allesamt voller Überzeugung von „ihrer“ Dorfwärme. Dieses persönliche Engagement aller Beteiligten, getreu dem Motto „Einfach machen“, ist sicherlich der wichtigste Baustein und beeindruckte die Teilnehmenden wie zuvor bereits in Marienthal.

Aufgrund des großen Interesses entstand schon während des Vortrags ein reger Austausch. Dieser konnte im Keller eines angeschlossenen Gebäudes fortgeführt werden, in dem uns der Projektleiter beispielhaft eine Wärmepumpe zeigte und für abschließende Fragen zur Verfügung stand. Um die gemachten Erfahrungen weiterzugeben, bietet die AöR ein sogenanntes „Kommunales Coaching“ an, um Kommunen zu unterstützen, ähnliche Projekte auf den Weg zu bringen. Auch ein Leitfaden für Kommunen entwickelte Kozisek.

Niki Kozisek und Prof. Thomas Giel zeigen Teilnehmenden eine an das Netz angeschlossene Wärmepumpe.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Engagierten aus Marienthal und Rech, dass wir vorbeikommen durften und so interessante Einblicke bekommen haben! Ermöglicht wurde diese Exkursion durch die Förderung im Rahmen des LEADER-Projektes „Servicestelle Energie- und Wärmewende“ mit Mitteln der Europäischen Union und des Landes Nordrhein-Westfalen.

Zu der Exkursion wird am 18.2. zwischen 21 und 22 Uhr bei Radio Bonn/Rhein-Sieg ein Beitrag mit weiteren Impressionen gesendet.

Auch Sie interessieren sich für gemeinschaftliche Wärmelösungen?

Sie haben Fragen oder auch schon eine konkrete Idee für ein gemeinschaftliches Wärmeprojekt? Melden Sie sich gerne bei uns und wir schauen gemeinsam, wie wir Sie unterstützen können!

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