Als bei Familie Moser im bergischen Overath die alte Gasheizung ersetzt werden musste, stand die Frage nach einer neuen Heizung im Raum. Schnell zeigte sich: Auch andere Nachbarn standen vor derselben Herausforderung. Statt also jedes Haus einzeln umzurüsten, entstand eine gemeinsame Idee: Warum nicht zusammen in eine zentrale Wärmepumpe investieren? Diese pragmatische Lösung für das Overather Reihenhaus zeigt, wie Gebäudenetze die Wärmewende in der Nachbarschaft voranbringen können.
Gebäudenetze sind im Unterschied zu klassischen Wärmenetzen kleinere, nachbarschaftliche Zusammenschlüsse zur gemeinsamen Wärmeversorgung und werden oft als Mikro-Netze oder Nachbarschaftsnetze bezeichnet. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) definiert Gebäudenetze als Netze zur Versorgung von zwei bis 16 Gebäuden bzw. bis zu 100 Wohneinheiten. Im Unterschied zu Fernwärme oder größeren Wärmenetzen werden sie oft privat organisiert und zu Selbstkosten betrieben. Wie der individuelle Heizungstausch werden auch Gebäudenetze über die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert.
Doch warum überhaupt eine Heizung mit den Nachbarn teilen, wenn sich auch jedes Haus einzeln mit einer neuen Anlage ausstatten ließe? Der Vorteil liegt im höheren Wärmebedarf: Werden mehrere Gebäude zusammen versorgt, können Wärmequellen wirtschaftlich genutzt werden, die für einzelne Haushalte oft zu teuer wären. Dazu zählen etwa Erdsonden, Abwärme oder Eisspeicher. Zwar sind diese Systeme in der Anschaffung meist kostenintensiver, bei größeren Wärmemengen arbeiten sie jedoch häufig effizienter und wirtschaftlicher.
Vor allem für privat organisierte Gebäudenetze, die gemeinschaftlich und zu Selbstkosten betrieben werden, ergeben sich neben der Teilung der Investitionskosten weitere Vorteile: Die beteiligten Haushalte bleiben unabhängig von großen Energieversorgern und profitieren von einer hohen Transparenz bei den laufenden Kosten. Gleichzeitig erfordert ein solches gemeinsames Wärmesystem eine sorgfältige Vorbereitung. Wichtig sind eine gute Beratung im Vorhinein, etwa durch die Kolleg*innen der Verbraucherzentrale, eine fachkundige technische Planung sowie juristische Begleitung, beispielsweise bei Verträgen oder Eigentumsfragen. Darüber hinaus braucht es gegenseitiges Vertrauen zwischen den Beteiligten und je nach Heiztechnik auch ein gewisses handwerkliches oder technisches Know-how für den späteren Betrieb der Anlage.

Jörg Moser stellt das Overather Gebäudenetz im November in Hennef im Rahmen der Veranstaltung Green Drinks vor. (Foto: Energieagentur Rhein-Sieg)
In unserer Region gibt es schon einige Beispiele für Gebäudenetze: Das zu Anfang genannte Beispiel zeigt anschaulich, wie die Versorgung eines Reihenhauses in Overath durch eine 7-kW-Luft-Wasser-Wärmepumpe funktioniert, die sowohl durch eine Gas-Hybrid-Lösung unterstützt als auch mit PV und E-Mobilität kombiniert wird. Einen ausführlicher Artikel zu dem Beispiel wurde in der Rundschau veröffentlicht.
Auch in Neunkirchen-Seelscheid besuchten wir vor Kurzem einen Bürger, der mit einer Holzhackschnitzelheizung neben seinem eigenen Haus auch sein Elternhaus auf der anderen Seite der Straße beheizt. Das angeschlossene Haus braucht keinen Platz im Keller mehr für Heizung und Lagerung der Holzhackschnitzel, stattdessen befindet sich im Erdgeschoss eine Übergabestation.
Ein größeres Gebäudenetz betreibt ein Heizungsbauer aus Swisttal: Mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW) versorgt er gleich acht Häuser in seiner Straße. Die Anlage befindet sich in einer separaten Heizzentrale und liefert neben Wärme auch Strom für die angeschlossenen Gebäude.
Ein Gebäudenetz, das derzeit in Windeck entsteht, stellte Matthias Bönisch Ende April in Merzbach vor. Im Rahmen der Vorstellung der Ergebnisse der Kommunalen Wärmeplanung (KWP) organisierten wir gemeinsam mit der Stadt Rheinbach eine Informationsveranstaltung zur zukünftigen Wärmeversorgung des Dorfes. Die Kommunale Wärmeplanung untersucht, welche Heizlösungen sich in den einzelnen Orten langfristig am besten eignen.
Wie in mehreren anderen Dörfern und Stadtteilen im Rhein-Sieg-Kreis kam die KWP auch für Merzbach zu dem Ergebnis, dass große Wärmenetze dort wirtschaftlich kaum sinnvoll sind. Stattdessen wurde der Ort als sogenanntes dezentrales Gebiet eingestuft. Das bedeutet, dass individuelle Lösungen voraussichtlich die wirtschaftlichste Option darstellen. Gleichzeitig können aber auch kleinere gemeinschaftliche Ansätze wie Gebäudenetze sinnvoll sein.
Familie Bönisch baut in Windeck auf einem Grundstück mit drei Häusern ein Gebäudenetz, das über eine zentrale Pelletheizung versorgt wird (Link zum Artikel). All diese Beispiele zeigen, wie vielseitig Gebäudenetze sein können und wie für jede Nachbarschaft eine andere Lösung passend sein kann.

Gemeinsam mit der Verbraucherzentrale und der Stadt Rheinbach haben wir mit den Merzbacher Bürgern über die Wärmewende im Ort gesprochen. (Foto: Linda Tekaat)
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